Ausstellung
»Euer Garten ist die Welt« – 200 Jahre Schlossgarten Oldenburg
Oldenburg, 26. April bis 7. September 2014

Aufführungen unter freiem Himmel



Im Garten ist die Natur Ansichtssache. Auf einer abgemessenen Bühne weisen wir den Pflanzenakteuren ihren Platz zu, geben je nach Laune und Philosophie fette Erde, Wasser oder Aufputschmittel aus und schaffen Ordnung mittels Beeten, Töpfen, Rankgittern, Hecken und Zäunen. Es wird getrennt zwischen Kraut und Unkraut, Form und Unform, Sorten und Nachbargrundstücken. Dem eigensinnigen Wachsen und Gedeihen, das uns die Gäste bescheren, halten wir unsere Fähigkeit zum Gestalten und Verwerten entgegen, fallweise auch zum Genießen. Wir harken, schneiden, säen, kreuzen und ernten und täuschen uns mit bewundernswertem Eifer darüber hinweg, dass wir letztlich nur Zuschauer sind, großzügig Beschenkte oder auch Gefoppte. Immer ist der Garten auch kulturelle Bühne, hier wird unter freiem Himmel zwischen menschlicher und pflanzlicher Ordnung vermittelt, hier bringen wir unser Verhältnis zur Natur in lebenden Bildern und mitunter kuriosen Schaustücken zur Aufführung. Eines der beliebtesten Motive unter Gartengestaltern ist nach wie vor die Bezähmung der Wildnis, der man Schönheitssinn und Disziplin vermeintlich erst beibringen muss. Dabei geht es im Reich der Pflanzen auch ohne unser Zutun musterhaft zu. Wer genau und mit Muße hinschaut, dem offenbart sich ein unbestreitbarer pflanzlicher Formwille, jedes Blatt und jeder Stängel, wenn auch in millionenfacher Ausfertigung, ist maßgeschneidert und kunstvoll mit der Umgebung vernetzt. Überall finden sich symmetrische, numerische und geometrische Anordnungen, ausgeklügelte Farbkompositionen, filigrane Architekturen. Alles an den Pflanzen hat seine Funktion, was dem betörenden Überschuss an Bildhaftigkeit und Poesie nicht entgegensteht. Das zeigt sich etwa in den aparten Zahlenspielen der Blütenblätter und Staubgefäße, den geheimnisvollen Gespinsten im ondulierten Wurzelhaar oder den scherenschnittartigen Landkarten von Fraßspuren, die Raupen auf Kohlblättern hinterlassen. In ihren künstlerischen Recherchen zum Thema Garten greift Carmen Müller die vielfältige Zeichensprache der Pflanzen auf, sie durchleuchtet deren Familienähnlichkeit mit unserem ästhetischen und symbolischen Formenvorrat wie auch mit vielen Facetten der Alltagskultur. Zeugnisse davon hat sie bei ihren „Feldforschungen“ in den Kleingärten rund um Oldenburg und Delmenhorst eingesammelt. Wir spiegeln uns in den Pflanzen, so wie diese sich als Blumenmuster auf einem Teller wiederfinden oder abgekocht als Wurzelsud mit den Rhythmen und Stofflichkeiten unseres Körpers in Verbindung treten. Pflanzen sind uns Nahrung und Fluidum, sie liefern Material für Kleidung, Bücher und Hausrat und mit ihrem kalligrafischen Naturell gleich auch die Verzierungen dazu. Die Kultivierung, so zeigt sich, findet beiderseits statt, längst schon ist uns die Vegetation nachhaltig ins Gemüt gewachsen, sie erzieht unsere Sinne, rankt sich durch Sprache und Vorstellungen: So haben Familien Stammbäume (wenn sie denn fruchtbar sind), die Hoffnung keimt oder schießt ins Kraut, der Schwarzhandel blüht und manch einer hört das Gras wachsen. Im Garten sind wir alle Zöglinge, die Rosen und Rüben ebenso wie Gärtnerin oder Gärtner, dazu gesellt sich hier die Kunst und lenkt den Blick auf untergründige Verwandtschaftsmuster und fröhliche Austauschverhältnisse. Es entsteht ein Herbarium der übergreifenden Art, in dem neben dem pflanzlichen auch dem menschlichen Einfallsreichtum gehuldigt wird und in dem Fragen nach der Urheberschaft nicht mehr eindeutig zu beantworten sind. Könnte es doch sein, dass der Günsel Morsezeichen aus-sendet oder die Glyzinie in einer Mathematikstunde erfunden wurde – im Heft eines verträumten Schülers, der über seinen schön geformten Ziffern eingeschlafen und im lila Tauwerk eines Piratenschiffs wieder aufgewacht ist.

Gisela Steinlechner







Leporello (Vorderseite):
Reflexionen über Pflanzen, (Malerei, Fotos, Stickerei, Fundstücke), 2010 bis 2014.







Leporello (Rückseite):
Die Fotos entstanden in den Kleingärten und Märkten in Oldenburg, Delmenhorst und umzu, 2010 und 2011.









Pressetext
zur Eröffnung des Projekts »Kinderschloss Tirol« im Landesmuseum Schloss Tirol
November 2013


»Heute war ich für kurze Zeit Gräfin Margarete und Landesfürstin von Tirol«


»Kinder und Familien sollen sich in unserem Museum wohl fühlen und sind immer herzlich willkommen auf Schloss Tirol.« meint Paula Mair, Vizedirektorin des Landesmuseums Schloss Tirol. Das fertig gestellte Projekt einer kleinen Theaterbühne im Schloss, für Kinder von 8-11 Jahren, ist farbenfroher und lustvoller Ausdruck dieses Anliegens: Die Künstlerin Carmen Müller hat hierfür fünf historische Rollenbilder und Persönlichkeiten prächtig eingekleidet, sodass die Kinder allein durch das Tragen der phantasievollen Kostüme und Requisiten unmittelbar in die Zeit und die Rolle der historischen Vorbilder eintauchen. Im Handumdrehen werden sie zu Margarete, der Gräfin von Tirol oder zu ihrem Vater König Heinrich, der zwar nur 3 Jahre König von Böhmen war, seinen Titel und die Krone aber stolz weiter trug. Oder sie tanzen und musizieren im Kostüm des Spielmanns Toldo, der mit Trommel und Flöte von Burg zu Burg zieht, zur Freude und Unterhaltung der Burgbewohner. Auch die Rollen eines Ritters, einer Äbtissin oder sogar das Reiten auf einem Turnier-Pferdchen stehen zur Auswahl.
Das Kinderschloss Tirol bedient so in einem ersten Zugang die Sehnsüchte und Phantasien junger und jugendlicher Besucherinnen und Besucher von Schloss Tirol. In einem zweiten Schritt führen diese Männer- und Frauen-Bilder aber auch weiter zu den Ausstellungsstücken und den Themen des Landesmuseums. Das Kinderschloss Tirol ermöglicht mit dem vielfältigen museumspädagogischen Angebot für Groß und Klein somit facettenreiche und spannende Einblicke in die Landesgeschichte. Das Kinderschloss Tirol ist für Kinder mit erwachsener Begleitung jederzeit während Museumsöffnungszeiten zugänglich.






Text von Nicole Rampa aus der Publikation
Kunst im öffentlichen Raum – Eine Ausstellung im Fontanapark Chur
Herausgegeben von ART-PUBLIC Chur und Luciano Fasciati, 2012
Scheidegger & Spiess


Die Loge an der Buche



Der öffentliche Raum charakterisiert sich mitunter darin, dass sich in ihm verschiedene Nutzungsformen über-lagern und verdichten. So verschränken sich auch im Fontanapark verschiedene Funktionen. Ein/e Passant/in wählt den Weg durch den Park vielleicht als Abkürzung, während eine andere Person diesen als Ort der Ruhe aufsuchen und zur Entspannung den Kieswegen entlang schlendern mag.
Carmen Müller (*1955) setzt sich in ihrer Arbeit mit den sozialen Funktionen auseinander, die Parkanlagen eingeschriebenen sind. Umgeben von urbaner Zivilisation bieten sie nicht nur eine ruhige Oase – ein Stück artifizieller Natur –, sondern sind darüber hinaus zugleich Begegnungsorte, an denen sich Menschen treffen und miteinander austauschen. Der Künstlerin fiel bei ihrem Augenschein im Fontanapark auf, dass insbesondere die alte Blutbuche im Herzen der Anlage als beliebter Austauschort frequentiert wird. An diese Beobachtung anknüpfend, schuf sie ihre „Loge“, eine leicht erhöhte, schwebend wirkende und um den Buchenstamm platzierte Rundbank, welche die Besucher/innen zum Verweilen einlädt. Die Sitzenden wenden jedoch nicht, wie bei solch Sitzgelegenheiten üblich, den Rücken zum Baum, sondern blicken zur Mitte hin dem mächtigen Stamm entgegen, auf dem sich das majestätische Blätterdach des Baumes schützend und schattenspendend über die Sitzenden ausbreitet. Der Blick auf den Baumstamm lädt die Besucherschaft zum Sinnieren ein und fördert die Kontemplation. Andererseits und trotz der Hinwendung zur „Wurzel“ der Dinge, ermöglicht die Sitzanordnung einen regen Austausch, beschreiben die Besucher/innen auf der Parkbank doch eine harmonische, dem Dialog förderliche Form. 
Dass die Künstlerin ihren Sitzplatz unter der ausladenden Baumkrone als Loge bezeichnet, lässt sich nicht nur inhaltlich begründen – unter einer Loge versteht man gemeinhin einen kleinen, abgeschlossenen Raum mit mehreren Sitzplätzen –, sondern auch etymologisch. So lässt sich das Wort Loge mitunter von der Bezeichnung „Laub“ ableiten. Müllers „Laubhütte“ ist in erster Linie aber nicht auf den für die Loge bezeichnenden Ausblick angelegt, sondern auf den Einblick, auf die Begegnungen mit sich selbst und mit anderen. Darüber hinaus bildet sie einen betretbaren Raum, der als dialogisches Gesamtkunstwerk zwischen konstruiertem Raum und Natur wahrgenommen werden kann.






Vorwort von Ute Woltron aus der Publikation zur Ausstellung Notizen aus Gärten, Museion Bozen, 2009
Folio Verlag Wien-Bozen


Säen, ernten, glücklich sein



Sie entschuldigen, wenn ich mit der »Krise« beginne. Doch diese Krise wird nicht so bald enden, deshalb darf man sie ruhig als Anfang hernehmen – und ein Anfang wird sie sein. Wofür, das wissen wir noch nicht. Die erste von mir selbst erlebte »Krise« war jedenfalls die Mitte der 70er Jahre. Es war die Zeit, in der man unter anderem tageweise (zumindest in Österreich) nicht mit dem Auto fahren durfte, weil Benzin gespart werden musste. Für uns Kinder war das großartig, wir waren sowieso immer in plappernden, fröhlichen Horden in die Volksschule gewandert - und plötzlich mussten die Erwachsenen auch mit uns gehen. Die waren das überhaupt nicht mehr gewohnt, und irgendwie wurde die Welt gerechter dadurch. Wer geht, hört die Vögel und sieht die Blumen am Weg, die Sträucher, die Bäume. Und auch den Dreck, der sich dazwischen ansammelt. Wer geht, hat Zeit nachzudenken. Wir waren schon vor der Ölkrise nicht wohlhabend gewesen, also änderte sich zuhause nicht viel. Der Garten war und blieb sozusagen das Kraftwerk der Familie wie eh und je. Dort wuchsen die Gurken und Paradeiser, die Erdäpfel und Ribisel, die Marillen und Weichseln. Unter dem Apfelbaum stand der Tisch, dort wurde zusammengesessen und gefeiert, und zwar zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Es wurde – neben der normalen Werkestätigkeit der Erwachsenen natürlich - gesät, gejätet, geerntet, eingekocht, eingelagert, vom Garten auch im Winter gezehrt. Die Angemessenheit der Mittel, das Wiederverwerten von allem, die Kreativität im Umgang mit dem ohnehin Vorhandenen – das konnte man aus dieser großartigen, heute vergleichsweise kargen Kindheit mitnehmen. Karg? Was heißt hier karg. Wer wusste, wie’s geht, lebte im Überfluss. Das gläserne Bullauge der alten Waschmaschine wurde zur Salatschüssel. Die kaputten Seidenstrümpfe der Großmutter wurden zu Sieben für die Lacke des malermeisternden Großvaters. Die Gartenspritzerln entstanden in der Werkstatt. Manch Gartenmöbel war selbst gemacht. Alles wurde repariert oder irgendeinem neuen Zweck zugeführt. Gekauft wurde wenig. Und es mangelte an absolut nichts, obwohl wenig da war. Aber was da war, besaßen und mochten wir, weil wir es genau kannten, weil wir damit arbeiteten - weil das, was da war, nie überflüssig war. Diese Zeiten sind, wie gesagt, lang vorbei, sie kommen auch nicht wieder, weil nichts wieder kommt. Doch Nostalgie für Gestern ohne bewusst den Nutzen für Heute und Morgen daraus zu ziehen ist nie wirklich angebracht. Die Haarwurzeln der Menschen reichen tief in die Vergangenheit, und die Krise, die sich jetzt neuerdings abzeichnet, lässt sie plötzlich wieder an alten, fast schon vergessen geglaubten Quellen saugen und in modifizierter Form Frucht tragen. Das beginnt gerade erst, aber es geschieht erstaunlich schnell. Rasenflächen werden landauf, landab wieder zu kleinen, privaten Kraut- und Erdäpfeläckerchen. Auf den Balkonen stehen die Paradeiserpflanzen in Kübeln. Das Interesse am Selbstgezogenen, am eigenen Gemüse beginnt allerorten zu wuchern. Nicht nur auf dem Land, auch in der Stadt. Große Kommunen wie London, Chicago, New York beginnen damit, private Grünflächen und Nutzgärten in ihre Bebauungsvorschriften aufzunehmen. Damit die Menschen überhaupt wieder die Möglichkeit haben, in der Erde zu wühlen und mit Pflanzen aller Art Umgang zu pflegen. Nicht nur, weil das Spaß macht, sondern weil es in letzter Konsequenz auch der Umwelt dient. Die Engländer haben beispielsweise ausgerechnet, dass allein der Nahrungsmittelkonsum ihrer Hauptstadt London mehr CO2 produziert als alle Privatwohnungen und -häuser zusammen. Die Royal Horticultural Society stellt den Leuten auf der Insel Teile ihrer Parks zur Verfügung, damit die dort anbauen können. In Wien sind zu mietende Gartenflächen mittlerweile Mangelware, die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot. Dieser Trend hat bereits in den letzten Jahren eingesetzt, doch jetzt, in der so genannten Krise, verdichtet sich die Angelegenheit deutlich. Die Leute halten auf einmal inne und schauen auf. Die Geschwindigkeit reduziert sich, zumindest für einen kleinen Moment in der Geschichte. Zeit für Betrachtungen aller Art. Nicht nur für die Blumen, die Sträucher, den Dreck dazwischen, sondern auch für die Zeit, die wir mit Sinnlosigkeiten verschleißen, wenn wir keine Kinder mehr sind, für die ungeheuren Massen nutzloser Dinge, die wir horten und nicht brauchen. Wer will, kann jetzt in seinem Leben eine Zäsur machen, kann sich fragen, wozu bin ich eigentlich auf der Welt – und wie gehe ich mit ihr um? Was viel Besseres kann uns allen gar nicht passieren, und Carmen Müllers Ausstellung über Gärten und Menschen kommt zum besten aller Zeitpunkte. Ihre Arbeiten geben nicht nur Einblick in Gärten und grüne Oasen, sondern auch in die Menschen, die dahinter stecken. Die muss man nicht unbedingt sehen, man spürt sie zwischen den Bohnen und den Sonnenblumen, in den selbst gemachten Rankgerüsten und den wiederverwerteten Alltagsgegenständen, die andernorts weggeworfen und in den ungeheuren Dreckkreislauf eingeschleust werden, der unsere Zeit auf’s Unheilvollste in den vergangenen Jahrzehnten bestimmt hat. Innehalten und nachdenken ist der beste Anfang, und wo lässt sich das besser tun, als im Garten. Das hat schon Michel de Montaigne so gehalten. Der meinte: »Das Meisterstück eines Menschen, auf das er besonders stolz sein kann, ist, sinnvoll zu leben; alles Übrige wie Regieren, Schätze sammeln, Bauten errichten sind Nebensachen.« Und wie man das Gärtnern anstelle, das möge bitte dem Pläsier jedes einzelnen überlassen bleiben: »Ich will wohl, dass man tätig sei, dass man die Pflichten des Lebens so weit ausdehne, wie man kann; und dass der Tod mich dabei antreffe, dass ich meinen Kohl pflanze - aber gleichgültig über seinen Zuspruch und noch mehr darüber, dass mein Garten nicht völlig in Ordnung ist.«




Saaltext zur Ausstellung »Notizen aus Gärten« im Museion Bozen, 2009
Letizia Ragaglia


Notizen aus Gärten



Das Künstlerbuch »Notizen aus Gärten« und die entsprechende Ausstellung im Museion basieren auf mehrjährigen Beobachtungen der Künstlerin, die forschende Blicke über Gartenzäune wirft. Die Arbeiten von Carmen Müller stellen oft den Endpunkt einer langen Untersuchung zu Schwerpunktthemen dar, die mit ihrer eigenen Lebenserfahrung und mit der Recherche von ortsbezogenen Themen zusammen-hängen, mit Situationen und Kontexten, in denen sie sich bewegt, die in der künstlerischen Verarbeitung das Persönliche transzendieren. Nach der Auseinandersetzung zum Thema Wasserschutzbauten oder nach der mit Forschergeist untersuchten, Jahrzehnte lang stillgelegten Eisenbahnstrecke im Vinschgau, hat sich die Künstlerin zuletzt mit Leidenschaft und wissenschaftlicher Akribie die privaten Gärten Südtirols vorgenommen. Insbesonders waren es Gärten von Pensionisten, die durch ihre persönliche »Handschrift« auffielen, da diese Alltagsgegenstände zweckentfremdet in ihren Gärten eingesetzt hatten. Immer wieder fängt sie fotografisch Strukturen ein, welche die Gartenbesitzer zum Schutz vor Frost ersonnen haben, oder metallene Betteinsätze, die als Rankgerüst für Bohnen stehen, und die vom Auge der Künstlerin »dekonstruiert« werden. Zu diesen Beobachtungen kommen Gespräche mit Besitzern verschiedener Gärten hinzu, die zusammen mit den Fotos in die Publikation eingegangen sind. Die fotografischen Aufnahmen verschiedener Gärten halten ephemere, manchmal auch improvisierte Strukturen fest, die fern jeder Vorstellung von Monumentalität liegen. Der Auffassung der Künstlerin zu Folge fügen sich diese »armen« Strukturen zu einer Art Sprache zusammen, die gerade als Ausdruck einer spezifischen Volkskultur von Interesse ist. Persönlich hat Carmen Müller zum Thema ein nahes Verhältnis: Die Arbeit und die Beobachtungen im eigenen Garten begleiten sie durch Jahrzehnte. Parallel zur Gartenarbeit forschte sie mit künstlerischem Auge an Pflanzen und Insekten. In den Papierarbeiten werden Blumen, Früchte oder Insekten progressiv seziert und aus nächster Nähe analysiert. Carmen Müllers Aufmerksamkeit gilt der Veränderbarkeit der Orte und der Dinge, ihrer stetigen Teilnahme an Veränderungsprozessen, die stark von kulturellen und umweltbedingten Faktoren bestimmt sind. Dieses Interesse der Künstlerin manifestiert sich in der umfassenden schriftlichen Dokumentation: in Tagebüchern mit Anmerkungen über jahreszeitliche Veränderungen, Heften mit Notizen, Skizzen und Zeichnungen von Pflanzen oder einem Glossar mit auf den Garten bezogenen Dialektausdrücken. Carmen Müller bewegt sich mit ihren künstlerischen Aktivitäten am Rande des gemeinhin als Kunst aufgefassten Bereichs; so ist es ihr gelungen, das, was ihr wichtig erscheint, unter Einsatz verschiedener Medien aufzuarbeiten, wobei immer auch dem geschriebenen Wort eine wichtige Rolle zukommt. »Notizen aus Gärten« ist ein wertvolles Instrument, um Anbauflächen als Orte menschlicher Erfahrung zu verstehen, um unser unmittelbares Umfeld auf nicht herkömmliche, von funktionalem Denken bestimmte Weise zu interpretieren.





aus: Der Standard, 23. Juni 2009
Michael Freund


»In meinem Garten vergesse ich alles andere«



Eine Ausstellung in Bozen zeigt, wie vielfältig man mit wenigen Quadratmetern Natur umgehen kann »Jeder Garten erzählt eine und seine Geschichte.« Zu diesem Schluss kommt Carmen Müller, nachdem sie viele künstlich angelegte Stücke Natur dokumentiert hat – zwar nur die in ihrer Umgebung, von Bozen bis in den Vinschgau. Doch allein, was sie dort vorgefunden und fotografiert, durch Gespräche und schriftliches Material erfahren hat, füllt eine ganze Ausstellung und ein wunderbar gestaltetes Buch. Notizen aus Gärten stellt keine Traumanlagen vor und gibt keine Rezepte zum Nachmachen. Vielmehr ist es der gelungene Versuch einer Bestandsaufnahme dessen, was Bürger aus den paar Quadratmetern Boden, die vom Asphalt verschont geblieben sind, alles machen können. Ob sie sie sich dieser Job-Beschreibung bewusst sind oder nicht, sie handeln, so Müller, als »Regisseure«, die planerische, handwerkliche und ästhetische Talente einbringen und über das visuelle Vergnügen hinaus auch die Sinne des Riechens, Schmeckens und Tastens ansprechen. Das Ergebnis: ein Gesamtwerk. Nicht Gesamtkunstwerk, das wäre in eine zu enge Schublade gegriffen. Andrerseits schließt Müller, die an der angewandten in Wien das Fach Textilien studierte, die Kunst nicht aus. Sie zieht Parallelen zwischen hochkulturellen und sozusagen rein privaten Ansprüchen beim Gärtnern und steuert selbst künstlerische Arbeiten zum Thema bei. Ihre Fotos für die Bozner Ausstellung bringen denn auch die unterschiedlichsten Zugänge zur Hortikultur zusammen. Der eine bedeckt den Teil des Bodens mit einem Perserteppich, die andere bündelt Zweige zu Skulpturen. Ausrangierte Matratzenroste dienen als Rank-Behelf, Statuetten und Hüttchen säumen Beete, angeschnittenen Plastikflaschen stecken in der Luft - »dass dr Wind an årbeit håt«, wie der Schöpfer dieser Anlage zitiert wird -, und sogar eine Klappschachtel lebt von Pflanzenmotiven. Letizia Ragaglia, künstlerische Leiterin des Museions, behandelt in einem Beitrag die internationalen Wurzeln – process art! – der neuen Beschäftigung mit Natur und das sich wandelnde Verhältnis zwischen »Garten« und »Architektur«. Ute Woltron, die über beide Themen im STANDARD schreibt, weist in ihrem Vorwort hin, sich wieder intensiver mit den »grünen« Oasen zu beschäftigen. In Müllers Bildern spüre man die Menschen, die dahinterstecken. Einige der Südtiroler Hobbygärtner sind auch abgebildet, und sie kommen selbst zu Wort. Obwohl aus einer überschaubarer Gegend, tut sich in ihren Kommentaren eine Vielfalt auf, als hätte die Ausstellungsmacherin in halb Europa recherchiert. »Wenn ich im Garten bin«, sagt Dora Götsch aus Staben, »dann bin ich in meiner Welt und vergesse alles andere.«

»Notizen aus Gärten« von Carmen Müller erschien im Folio Verlag, Wien-Bozen (EUR 25/120 Seiten).





Mostra «Notizen aus Gärten» al Museion – Museo d’arte moderna e contemporanea, Bolzano, 2009
Letizia Ragaglia



«Lessici architettonici alternativi» nei giardini esplorati da Carmen Müller



Normalmente l’unione delle parole «architettura» e «giardino» rinvia ad una sistemazione artificiale della vegetazione sulla base di un disegno geometrico preesistente. La storia dei giardini sin dagli antichi egizi è caratterizzata da scelte estetiche che contemplano principalmente una selezione delle specie vegetali distribuite secondo un disegno iniziale. Mentre nell’antichità il giardino comprendeva anche piante di frutta e verdura, dal Rinascimento in poi l’orto si separa dal giardino e in particolare nel periodo barocco l’architettura dei giardini diventa una forma d’arte autonoma, che nella ricerca di spettacolarità rispecchia i canoni estetici dell’epoca. La ricerca di Carmen Müller non si confronta con le spettacolari scenografie dell’architettura paesaggistica, ma individua nella cura dei giardini altoatesini particolari architetture e disegni geometrici nell’impiego originale ed insolito di materiali poveri. Si tratta di giardini privati, spesso di pensionati, che si distinguono per una singolare «calligrafia», conferita loro proprio da chi se ne occupa. Sono giardini che l’autrice ha osservato nel suo immediato contesto, lungo un percorso più che trentennale di appassionata di giardinaggio, che l’ha condotta parallelamente ad annotare le conversazioni realizzate con diverse persone incontrate circa la loro personale filosofia da giardino. La pubblicazione inerente agli appunti sui giardini di Carmen Müller e la mostra che ne è scaturita negli spazi di Museion, si muovono dunque nel territorio delle coltivazioni di frutta e verdura, accanto a quelle di piante e fiori. La peculiarità dei giardini consiste nell’essere luoghi particolarmente mutevoli, intrinsecamente soggetti ai cambiamenti delle stagioni. L’attenzione di Carmen Müller non di rado si è concentrata con predilezione sui momenti antecedenti la fioritura delle piante e la maturazione dei frutti; il suo sguardo, infatti, è stato catturato dalle strutture – sovente fortuite – che i rispettivi giardinieri hanno creato sui loro terreni come protezione contro il gelo. Rami, bastoni, panni, ma anche bidoni di latta e reti di vecchi materassi formano interessanti costruzioni geometriche che hanno catturato lo sguardo dell’artista allenato a “decostruire” ciò che le sta davanti. Così, per esempio, Carmen Müller non si accontenta di osservare accuratamente un fiore o un frutto, ma nelle sue opere seziona un sambuco con la meticolosità di un chirurgo. Il lavoro dell’artista rinvia sia all’ambito dell’astrazione di retaggio minimalista, che alle posizioni dell’arte processuale (process art), mentre l’approccio alle diverse situazioni così come la ricerca di un lessico architettonico alternativo, ricordano varie sperimentazioni concettuali degli anni Settanta. Come in Eva Hesse (un’esponente di spicco della process art), per esempio, anche nelle opere di Carmen Müller viene data grande importanza ai processi di trasformazione e agli aspetti antropologici insiti negli oggetti. L’osservazione delle cose nasce da uno sguardo attento allo «spazio culturale delle stesse e da un concetto di scultura fondamentalmente arcaico, profondamente radicato in un connubio uomo-natura: la scultura non come qualcosa di statico ed idealizzato, ma come qualcosa di temporale e materiale. L’attenzione di Carmen Müller è rivolta alla mutevolezza di luoghi e cose, del loro essere parte di un processo in continua evoluzione, fortemente condizionato da fattori culturali ed ambientali. Tale interesse dell’artista si riversa nella ricca documentazione scritta: taccuini con osservazioni sui cambiamenti stagionali, quaderni con annotazioni, schizzi e disegni sulle piante, un glossario di vocaboli ed espressioni dialettali legate al mondo del giardino… Carmen Müller ha costruito il proprio percorso d’artista ai confini dei territori comunemente praticati ed è riuscita ad elaborare artisticamente ciò che le interessa, ciò che le sta vicino con diversi linguaggi: dalla fotografia all’installazione, assegnando sempre un ruolo primario alla parola. Le immagini scattate nei diversi giardini conferiscono sopravvivenza a strutture effimere, spesso anche improvvisate, che rifuggono ogni idea di monumentalità. Nella personale visione dell’artista queste costruzioni formano un lessico formale povero, che cattura il suo interesse in quanto sono espressioni di cultura vernacolare, popolare. «Notizen aus Gärten» costituisce uno strumento prezioso per concepire degli spazi come territori dell’esperienza umana, per pensare all’ambiente che ci circonda in maniera non convenzionale e non semplicemente funzionale.